Anmerkungen zur Transkription

Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden weitgehend übernommen. Nur folgende offensichtlichen Fehler wurden korrigiert:

  • Auf Seite 44 wurde ein Punkt am Satzende ergänzt:
    Die Reformation war ein Zeichen der Zeit gewesen.
  • Auf Seite 48 wurde das Wort um durch am ersetzt:
    ... mußte das Land zuerst treffen, das am meisten modernisiert war

NOVALIS

Hymnen an die Nacht
*
Die Christenheit
oder
Europa

Verlags-Signet

Im Insel-Verlag zu Leipzig

Hymnen an die Nacht

 

Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vorallen Wundererscheinungen des verbreitetenRaums um ihn, das allerfreuliche Licht — mit seinenFarben, seinen Strahlen und Wogen; seiner mildenAllgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebensinnerste Seele atmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt,und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut —atmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige,saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestalteteTier — vor allen aber der herrliche Fremdling mitden sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, undden zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. Wie ein Königder irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosenVerwandlungen, knüpft und löst unendliche Bündnisse,hängt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesenum. — Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeitder Reiche der Welt.

Abwärts wend' ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen,geheimnisvollen Nacht. Fernab liegt die Welt— in eine tiefe Gruft versenkt — wüst und einsam istihre Stelle. In den Saiten der Brust weht tiefeWehmut. In Tautropfen will ich hinuntersinken undmit der Asche mich vermischen. — Fernen der Erinnerung,Wünsche der Jugend, der Kindheit Träume,des ganzen langen Lebens kurze Freuden und vergeblicheHoffnungen kommen in grauen Kleidern, wie Abendnebelnach der Sonne Untergang. In andern Räumenschlug die lustigen Gezelte das Licht auf. Sollte es niezu seinen Kindern wiederkommen, die mit der UnschuldGlauben seiner harren?

Was quillt auf einmal so ahndungsvoll unterm Herzen,und verschluckt der Wehmut weiche Luft? Hast auchdu ein Gefallen an uns, dunkle Nacht? Was hältstdu unter deinem Mantel, das mir unsichtbar kräftigan die Seele geht? Köstlicher Balsam träuft aus deinerHand, aus dem Bündel Mohn. Die schweren Flügeldes Gemüts hebst du empor. Dunkel und unaussprechlichfühlen wir uns bewegt — ein ernstes Antlitz seh'ich froh erschrocken, das sanft und andachtsvoll sich zumir neigt, und unter unendlich verschlungenen Lockender Mutter liebe Jugend zeigt. Wie arm und kindischdünkt mir das Licht nun — wie erfreulich und gesegnetdes Tages Abschied — Also nur darum, weil die Nachtdir abwendig macht die Dienenden, säetest du in desRaumes Weiten die leuchtenden Kugeln, zu verkündendeine Allmacht — deine Wiederkehr — in den Zeitendeiner Entfernung. Himmlischer, als jene blitzendenSterne, dünken uns die unendlichen Augen, die dieNacht in uns geöffnet. Weiter sehn sie, als die blässestenjener zahllosen Heere — unbedürftig des Lichts durchschaunsie die Tiefen eines liebenden Gemüts — waseinen höhern Raum mit unsäglicher Wollust füllt.Preis der Weltkönigin, der hohen Verkündigerin heiligerWelten, der Pflegerin seliger Liebe — sie sendet mirdich — zarte Geliebte — liebliche Sonne der Nacht, —nun wach' ich — denn ich bin Dein und Mein — duhast

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