RABINDRANATH TAGORE
ERZÄHLUNGEN
MÜNCHEN
KURT WOLFF VERLAG
Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der
von Rabindranath Tagore selbst veranstalteten
englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von
Helene Meyer-Franck
1.–20. Tausend
Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G. in München
Gedruckt im Frühjahr 1921 in der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig
Einbände von H. Fikentscher in Leipzig
ICH ging mit Surabala bei demselben altenFräulein in die Schule, und wir spielten zusammenMann und Frau. Wenn ich sie in ihremHause besuchte, pflegte ihre Mutter mich zuhätscheln, und oft stellte sie uns nebeneinanderund sagte für sich: „Welch ein reizendesPaar!“
Ich war damals noch ein Kind, aber ich verstanddoch sehr gut, was sie meinte. Die Vorstellungsetzte sich bei mir fest, daß ich ein besonderesRecht auf Surabala hätte. So kam es, daß ich imstolzen Gefühl meines Eigentumsrechts sie zuweilenbestrafte und quälte; und auch sie ihrerseitsplagte sich willig für mich ab und ertrug allemeine Strafen ohne Klage. Das ganze Dorf priesihre Schönheit, aber in den Augen eines jungenBarbaren wie ich hatte diese Schönheit nichtsBesonderes; – ich wußte nur, daß Surabalaeigens dazu geboren war, mein Joch zu tragen,4und daß ich mir daher nicht viel aus ihr zu machenbrauchte.
Mein Vater war Gutsverwalter der Tschaudhuris,einer reichen Gutsbesitzerfamilie. Es warseine Absicht, mich, sobald ich mir eine guteHandschrift angeeignet hätte, in der Gutsverwaltungauszubilde